Gammelfleisch ...
... scheint in aller Munde (und Mägen), bedenkt man die gefundenen Mengen. Zig
Tonnen verdorbenes Fleisch, das meiste schon verzehrt. „Gammelfleisch“ ist
sicherer Kandidat für das Unwort des Jahres 2006.
Alles Fleisch, was nicht mehr verzehrt werden sollte wanderte gut gewürzt in die
beliebten Dönerspieße, frei nach dem Motto: Unser Schorf soll Döner werden!
Mittlerweile gut verdaut, ist nach bisherigen Erkenntnissen noch niemand
gestorben am Gammelfleisch; aber was nicht ist ...
Woran liegt’s, dass verdorbenes Fleisch den Weg in unsere Mägen sucht? Am
Preiskampf der Dönerbuden? Am Fleischpreis überhaupt? Der Pro-Kopf-Verbrauch an
Fleisch reicht in Deutschland mit 90,7 kg im europäischen Vergleich nur zu Rang
10. Die Spanier essen mit 126,9 kg pro Kopf und Jahr wesentlich mehr und liegen
an erster Stelle (Zahlen aus 2003). Da werden wohl schon die Babys mit
Serrano-Schinken gewickelt. Wäre man gehässig, könnte man anregen,
überflüssiges, weil nicht verzehrtes Fleisch nach Spanien zu exportieren. Die
Spanier würden sich vielleicht sogar darüber freuen. Gibt es doch in Spanien
eine Schinkensorte, die mit 100 €/kg gehandelt wird. Ungeahnte
Gewinnmöglichkeiten für Gammelfleisch-Exporteure.
Mal nachgefragt: Was ist denn eigentlich Gammelfleisch? Die Definitionen gehen
auseinander. Schmieriges, schleimiges, stinkendes Fleisch dazuzurechnen ist
klar, und erkennen kann das sogar die Hausfrau mit Sehschwäche und üppig
dimensionierten Nasenpolypen (für „üppig dimensioniert“ gibt’s dann doch
schönere Stellen). Aber wo sind die Grenzen? Denkt man gerade mal 50 Jahre
zurück, so war Fleisch (insbesondere Wild), welches heute als vergammelt gilt
eine besondere Delikatesse. „Haut goût“ wurde er genannt, dieser „Hohe
Geschmack“ (Übersetzung aus dem Französischen), der aus dem natürlichen
Verwesungsprozess resultierte. Äußere Fleischschichten wurden
abgeschnitten/abgeschält und das Übrige war die Delikatesse. Heute würde es
durchaus zum Gammelfleisch zählen. Wo ein geschlachtetes Rind längstens vier
Tage im Kühlhaus reifen darf und oftmals als Steak auf dem Tisch landet, dessen
Konsistenz eher an „Schusters Rappen“ erinnert, ist Gammelfleisch eigentlich
kaum vorstellbar. Richtig abgehangen wird Fleisch schon längst nicht mehr; die
Gewichtsverluste wären viel zu hoch. Die Gewinnspanne merklich geschrumpft, wie
des Mannes bestes Teil beim Anblick der Heizölrechnung (im Übrigen riet gerade
in der letzten Woche Alfons Schubeck in seiner Kochsendung im NDR, Rindfleisch
mindestens drei Wochen abhängen zu lassen!!!).
Doch wie bekommen das denn die Fleischgroßhändler hin, dass sie angeblich
Millionen mit Gammelfleisch verdienen? Jedes Gammelfleisch war ja auch mal
frisch und wurde somit zu „normalen“ Preisen gehandelt: „Ach, ich kaufe mal
einwandfreies, gefrostetes Roastbeef für 10 €/kg ein, lass es im Kühlhaus zehn
Jahre liegen und verkaufe es dann für 5 €/kg wieder. Ist zwar nicht viel
verdient, aber die Menge macht’s.“ Hä? Ist wohl eher umgekehrt. Das
Haltbarkeitsdatum um eine halbe Generation überschrittenes Fleisch aus
Überproduktionen wird, statt es „dem Weg ewigen Fleisches“ zuzuführen, von
Fleischgroßhändlern billigst gekauft, zu überwürzten Spießen verarbeitet (der
Getränkekonsum muss ja schließlich auch angekurbelt werden) und an die
Dönerbuden zum „Vorteilspreis“ verscherbelt. Also sind wir selbst schuld, weil
wir den Geiz so geil finden wie Brad Pitt die Angelina in der
Gaststättentoilette?
Was also tun? Schimpfen auf die Obrigkeit, wegen nachlässiger/nicht vorhandener
Kontrollen? Wird wohl nichts nützen, die Obrigkeit ist das Schimpfen gewohnt.
Weniger Fleisch kaufen? Das Resultat ist klar: noch mehr Gammelfleisch. Eine
vertrackte Situation. Eigentlich hilft nur eins: verantwortungsbewusste,
ehrliche Fleischgroßhändler. Aber woher nehmen? In Deutschland gibt’s ja wohl
nicht so viele. Das Allheilmittel der Computerprogrammierung, „die Inder“, sind
dazu auch nicht zu gebrauchen – Befangenheit wegen der heiligen Gammelkühe.
Man darf gespannt sein, was uns in den nächsten Wochen auf unseren Tellern
begegnet: die angeblich vernichteten vogelgrippalen Hühner aus China mit
Made-in-Germany-Stempel? Ich ahne es nicht einmal.
Apropos Gammelfleisch. Axel Schulz und Henry Maske wollen’s noch mal wissen.
Ende diesen (Schulz) und Anfang nächsten Jahres (Maske) lassen sie sich noch
einmal die Hucke vollhauen. Na ja, wenn man Fleisch plattklopft, wird es schön
zart! In diesem Sinne: wohl bekomms! msf
